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Jürgen Driessen im Interview
Von der elektronischen Musikszene der 90er bis zur Werkbank: Jürgen Driessen spricht über Synthesizer-Reparaturen, Drumcomputer, Vintage-Geräte, Ersatzteile, kalte Lötstellen und die Leidenschaft für analoge Technik.
Einleitung
Hallo zusammen! Wir sind heute bei Jürgen Driessen zu Besuch – in einer kleinen Werkstatt, in der Synthesizer, Drumcomputer und Effektgeräte wieder zum Leben erweckt werden.
Jürgen hat bereits 1992 seine erste Platte produziert und war seitdem in den Bereichen Techno, House und Trance aktiv. Unter verschiedenen Projektnamen war er an zahlreichen Produktionen beteiligt. Später gründete er sein eigenes Label Motegi Media, auf dem unter anderem hochwertige Sampling-CDs erschienen.
Heute betreibt er gemeinsam mit Marc Romboy Systematic Sounds und repariert seit vielen Jahren Synthesizer, Drumcomputer und andere elektronische Musikinstrumente. In der Szene gilt er inzwischen als Geheimtipp für alte analoge Schätze.
Wie alles mit dem Reparieren begann
Nicolai: Wie hat das bei dir angefangen mit dem Reparieren?
Jürgen: Das war eigentlich so ein typisches Ding aus dem Umfeld von DJs und Produzenten. Wir wollten zusammen Musik machen und hatten einen ganz alten Drumcomputer hervorgekramt. Der spielte aber nicht mehr.
Das war natürlich enttäuschend, weil wir genau damit Musik machen wollten. Ich habe dann gesagt: „Kein Thema, ich nehme den mit nach Hause, schaue rein und repariere ihn.“
Als das schnell erfolgreich war, kamen plötzlich immer mehr Leute mit ihren Geräten zu mir. Erst Drumcomputer, dann Effektgeräte, Gitarrenpedale und alles, was Musiker eben so herumliegen haben.
Der technische Hintergrund
Nicolai: Du hast aber auch etwas in dieser Richtung gelernt?
Jürgen: Ja, ich bin Kommunikationselektroniker. Das hatte zwar nicht direkt mit Synthesizern zu tun, aber mit elektronischen Geräten, Fehlersuche, Messen und Instandsetzen.
Außerdem spielte mein Vater eine große Rolle. Er hatte ebenfalls einen technischen Hintergrund und mich schon früh an Musik und Elektronik herangeführt. Als Kind habe ich mit Spulen, Drähten und einfachen Konstruktionen experimentiert.
Warum viele Reparaturen wirtschaftlich schwierig sind
Viele alte Geräte liegen jahrelang im Keller oder werden gebraucht gekauft. Wenn dann ein Fehler auftritt, wäre es bei rein wirtschaftlicher Betrachtung oft ein Totalschaden.
In der Praxis steckt aber häufig nur ein vergleichsweise kleiner Defekt dahinter: eine kalte Lötstelle, ein gealtertes Bauteil, eine leere oder ausgelaufene Batterie oder ein Kontaktproblem.
„Bei diesen alten Sachen kann man nicht immer einfach mit der Stoppuhr daneben sitzen. Oft muss man Erfahrung, Geduld und Pragmatismus mitbringen.“
Typische Fehler bei alten Synthesizern und Drumcomputern
Viele Defekte lassen sich auf einige wiederkehrende Ursachen zurückführen:
- kalte Lötstellen
- mechanische Kontaktprobleme
- oxidierte Steckverbinder
- ausgelaufene Batterien
- gealterte Kondensatoren
- defekte Netzteile
- verschlissene Buchsen, Schalter und Potentiometer
Wenn Schaltpläne vorhanden sind, lässt sich ein Fehler oft relativ schnell eingrenzen: Liegt er im Audioweg, im Filter, im Netzteil oder in der Steuerung? Ohne Pläne beginnt dagegen häufig eine detektivische Suche mit Lupe, Mikroskop und viel Erfahrung.
Wenn es keine Schaltpläne gibt
Nicolai: Was ist besonders schwierig an seltenen Geräten?
Jürgen: Je seltener ein Gerät ist, desto schwieriger wird es meistens mit den Unterlagen. Bei bekannten Geräten findet man oft noch Schaltpläne im Internet. Irgendjemand hat immer etwas gescannt oder archiviert.
Aber bei exotischen Geräten gibt es oft gar nichts. Dann muss man sich die Technik Stück für Stück erschließen. Manchmal hilft auch der Austausch mit anderen Technikern oder Sammlern über Foren und Social Media.
„Selten heißt leider oft auch: kein Plan.“
Ersatzteile: von Standardbauteilen bis Spezialchips
Viele klassische Bauteile lassen sich heute noch gut ersetzen. Dazu gehören Widerstände, Kondensatoren, Spulen, Standard-ICs und viele mechanische Teile.
Schwieriger wird es bei speziellen Chips: Curtis-Filterchips, herstellerspezifische ICs oder programmierte Bausteine sind oft nur noch gebraucht, als New Old Stock oder aus ausgeschlachteten Geräten erhältlich.
Deshalb legt Jürgen häufig Bauteile auf Vorrat an. Wenn ein spezielles Teil für ein Gerät benötigt wird, bestellt er oft gleich mehrere Exemplare – weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass irgendwann ein weiteres Gerät mit demselben Problem auf dem Tisch landet.
Analog oder digital?
Nicolai: Gibt es Geräte, die du besonders gerne reparierst?
Jürgen: Am liebsten mag ich die alten analogen Geräte. Dabei ist es mir nicht so wichtig, ob es ein Synthesizer oder ein Drumcomputer ist. Besonders spannend sind Geräte aus den 70ern und frühen 80ern.
Bei digitaler Technik ist die Fehlersuche oft schwieriger. Dort laufen viele Dinge mit höheren Frequenzen ab. Ein Fehler kann nur für einen Bruchteil einer Sekunde auftreten und trotzdem das ganze Gerät abstürzen lassen.
Bei analoger Technik ist ein Fehler oft beständiger: ein Knacken, ein Aussetzer, ein fehlendes Signal. Dadurch lässt er sich meist besser verfolgen.
Die Ersatzteilwand
In Jürgens Werkstatt stehen zahlreiche Magazine und Schubladen voller Bauteile. Manche Teile werden ständig gebraucht, andere vielleicht nur alle paar Jahre.
Widerstände, Kondensatoren und Standardbauteile sind immer wichtig – nicht nur für Reparaturen, sondern auch für Modifikationen oder kleine Zusatzschaltungen. Spezielle Synthesizer-Bauteile sammelt Jürgen oft vorsorglich.
Eigene Geräte, Controller und Eurorack-Module
Nicolai: Du hast auch schon selbst Geräte gebaut?
Jürgen: Ja, eigentlich war in meinem Werdegang alles dabei. Als DJ habe ich früher eigene Mischpulte und Lichtmischpulte gebaut.
Später habe ich mir auch Controller nachgebaut oder eigene Lösungen entwickelt. Bei Eurorack-Modulen habe ich ebenfalls eigene Schaltungen aufgebaut – zum Beispiel eine 808-Kick, die man dann nach eigenen Vorstellungen modifizieren kann.
Modifikationen und Sonderwünsche
Grundsätzlich sind auch individuelle Modifikationen möglich – etwa bei Drum-Schaltungen, Klangveränderungen oder besonderen Bedienwünschen.
In der Praxis ist es vor allem eine Frage der Zeit. Reparaturen haben Vorrang, und viele Kunden warten auf ihre Geräte. Trotzdem bleibt der Reiz, eigene Ideen umzusetzen und bestehende Klassiker kreativ zu erweitern.
Vintage-Geräte kaufen: gute Idee oder Risiko?
Nicolai: Kann man jungen Musikern raten, sich alte Synthesizer zu kaufen?
Jürgen: Grundsätzlich ja, aber man muss damit rechnen, dass ein Problem auftreten kann. Allein durch den Transport kann etwas passieren. Beim Verkäufer funktioniert das Gerät noch, und nach dem Versand kommt es defekt an.
Bei sehr komplexen Klassikern sollte man wissen, was man tut. Je komplexer und älter das analoge Gerät ist, desto genauer sollte man hinschauen.
Es gibt aber auch moderne analoge Geräte, die nach meiner Erfahrung deutlich unproblematischer sind und nicht so häufig auf meinem Tisch landen.
Was kann man selbst reparieren?
Ein Batteriewechsel ist bei manchen Geräten noch machbar – vorausgesetzt, man hat Erfahrung, das richtige Werkzeug und weiß, worauf man achten muss.
Sobald Netzspannung im Spiel ist, sollte man sehr vorsichtig sein. Netzteile und primärseitige Spannungen gehören nicht in unerfahrene Hände.
„Den Strom kannst du nicht riechen und nicht sehen. Du spürst ihn – und dann kann es schon zu spät sein.“
Wer ein Multimeter sicher bedienen kann, kann bestimmte Spannungen prüfen. Wer unsicher ist, sollte das Gerät lieber direkt zu einem Techniker bringen. Das ist oft schneller, sicherer und am Ende auch günstiger.
Bleihaltiges und bleifreies Löten
Bei alten Geräten wurden die Lötstellen ursprünglich meist mit bleihaltigem Lot ausgeführt. Bei Reparaturen an solchen Geräten arbeitet Jürgen daher häufig ebenfalls mit bleihaltigem Lot, weil sich die Materialien besser vertragen.
Wichtig ist nicht nur die Frage, welches Lot verwendet wird, sondern auch das Werkzeug: eine temperaturgeregelte Lötstation, passende Lötspitzen und ein Gefühl für die Wärmeübertragung.
Für feine SMD-Arbeiten braucht man eine andere Spitze als für große Masseflächen. Ein einfacher Lötkolben ohne Temperaturregelung reicht für hochwertige Reparaturen meist nicht aus.
Fazit
Das Interview zeigt: Die Reparatur alter Synthesizer ist weit mehr als das Austauschen einzelner Bauteile. Es geht um Erfahrung, Geduld, technisches Verständnis und Respekt vor Instrumenten, die oft eine lange musikalische Geschichte haben.
Ob kalte Lötstelle, defektes Netzteil, ausgelaufene Batterie oder seltener Spezialchip – jedes Gerät erzählt seine eigene Geschichte.
Dein Synthesizer braucht Hilfe?
Ich repariere und restauriere Synthesizer, Sampler, Drumcomputer und Tape-Delays – mit Erfahrung, Präzision und Leidenschaft für den Klang elektronischer Instrumente.
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